Leinen los – und selber am Steuer


Fotos: ©Stephanie Kreuzer

Per Hausboot auf der Mecklenburgischen Seenplatte
So lässt sich die Mecklenburgische Seenplatte auf eine besonders entschleunigte Art und Weise erleben. Für so manchen erfüllt sich hier beinahe ein Kindheitstraum: als Kapitän über die Weltmeere reisen und Herr eines großen Dampfers sein. Nun sind es zwar deutlich ruhigere Gewässer, auf denen man eher gemütlich unterwegs ist, und die Schiffe sind auch ein paar Nummern kleiner, aber als Skipper darf man sich wahrlich fühlen. Denn für das Fahren der Hausboote von Locaboat Holidays ist auf den meisten Routen kein Bootsführerschein notwendig. So kann man rasch selber die Anker lichten. Wobei man als erstes lernt, dass man normalerweise nicht ankert, sondern das Boot nur vertäut, vorne und hinten. Wie auch immer: Für eine solche Tour sollten mindestens drei Erwachsene an Bord sein, denn für die Ab- und Anlege- sowie Schleusenmanöver braucht es viele anpackende Hände.
Zur Vorbereitung erhalten alle künftigen Schiffsführer nach der Buchung das Kapitänshandbuch, das alle wichtigen Fragen zur Reise und zum Handling des Bootes beantwortet. An den Abfahrthäfen stehen überall kompetente Mitarbeiter mit Rat und Tat zur Seite, auch gibt es hier alle erforderlichen Informationen und Hinweise zur geplanten Fahrtroute und einem möglichen Ausflugsprogramm. Bei Übernahme des Bootes erfolgt natürlich eine kurze, aber intensive Einweisung in die Technik, das Rangieren und Anlegen am Steg. Auch ein bisschen Knotenkunde, Regeln für die Tonnen und „Fahrbahnen“ auf dem Wasser sowie hilfreiche Tipps für das Durchfahren von Dreh- oder Hebebrücken und Schleusen fehlen nicht. Zwar haben die Boote weniger als einen Meter Tiefgang, aber das muss an vielen Stellen beachtet werden, um nicht auf Grund zu laufen. 
Schon bei der kurzen Probefahrt mit einem erfahrenen Skipper juckt es so manchen in den Fingern, und man kann es kaum erwarten, das Steuer zu übernehmen und die Gewässer auf eigene Faust zu erkunden. Je nach Lust und Laune bestimmt jeder das Tempo selber, wobei im Schnitt nur mit rund acht bis zehn Kilometern pro Stunde gefahren wird. Viel Muße also, um die Natur und Landschaft drumherum auf sich wirken zu lassen, und auch einfach mal spontan zu entscheiden, ob man eine Pause einlegt oder sogar von Bord geht. Auch die Anzahl der Passagiere ist durch unterschiedliche Bootstypen variabel: Von zwei bis zwölf ist alles möglich. 
Inzwischen gibt es dieses Angebot in sechs europäischen Ländern, insgesamt 380 Boote in fünf unterschiedlichen Typen stehen zur Verfügung. Über 200 Reiserouten auf Flüssen, Kanälen und Seen sind ausgearbeitet, zumeist für Hin- und Rückfahrt, aber auch Einwegrouten sind möglich. Dabei führt jede Fahrt an Dörfern, Schlössern, Weingütern und bemerkenswerten historischen Sehenswürdigkeiten vorbei. Schwerpunkt ist Frankreich mit 18 verschiedenen Abfahrtshäfen, in Deutschland gibt es drei, und jeweils einen Hafen gibt es in Holland, Irland, Polen und Italien. Absolut empfehlenswert, gerade für den „Einstieg“ in Hausbootferien, ist „das Land der 1000 Seen“ – in diesem Fall ist die Mecklenburgische Seenplatte, nicht Finnland, gemeint. Den besonderen Reiz dieser Landschaft macht der Wechsel von ausgedehnten Seen, Wäldern, Kanälen, Naturschutzgebieten, Feldern und idyllischen Ortschaften aus. Ebenso attraktiv ist die Küche, daher sollte man es nicht versäumen, am Rande der Strecke fangfrischen Fisch zu probieren. 
Wichtig zu wissen allerdings, dass ab einer bestimmten Windstärke die Seen – Plauer See, Fleesensee, Kölpinsee und die Müritz mit immerhin 117 Quadratkilometern Ausdehnung – ohne Führerschein nicht mehr befahren werden dürfen. Doch in den Kanälen schippert es sich dann umso gemütlicher. Toll auch das Angebot des Tourismusverbands Mecklenburg-Vorpommern, dass „Urlaubsangler“ für 28 Tage einen „zeitlich befristeten Fischereischein“ ausgestellt bekommen. Für das jeweilige Gewässer braucht es zusätzlich eine Angelerlaubnis. Unter fachkundiger Anleitung macht das gleich noch mehr Spaß. Aber hier ist viel Geduld vonnöten; an manchen Tagen beißt einfach kein Fisch an. Doch Entschleunigung ist ja das Motto, und schließlich gibt es noch genügend Ortschaften ringsum, die einen Besuch wert sind. Im Luftkur-
ort Waren beispielsweise ist schon das weitläufige Hafenbecken, eingerahmt von drei historischen Speichergebäuden, ein Blickfang. Bei einem Spaziergang durch die Stadt, die gleich von drei Seen umgeben ist und als das Tor zum Müritz-Nationalpark gilt, lassen sich aufwändig renovierte Fachwerkhäuser und schmale Gassen entdecken. Mit mittelalterlichen Bauten und klassizistischen Bürgerhäusern kann Plau aufwarten, bei einer kleinen Radtour lernt man die Stadt und Umgebung am besten kennen. Auch Lübz lohnt einen Abstecher. Hier ist neben der Brauerei, die Führungen anbietet, besonders das Stadtmuseum, das auf vier Etagen im schmalen Amtsturm untergebracht ist, sehenswert. 
Für Bootsfahrer ist allerdings noch etwas ganz anderes attraktiv: die Schleusen, die während der Kanaldurchfahrten für Abwechslung und „nautische“ Manöver sorgen, und spannende Brückenkonstruktionen. In Malchow beispielsweise eine Drehbrücke, die immer zur vollen Stunde öffnet. Dann wird der Straßenverkehr gestoppt und die komplette Fahrbahn um 90 Grad zur Seite geschwenkt. In Plau ist es eine Hubbrücke, die bei Bedarf komplett angehoben wird. Wenn die Brückenwärterin, die gleichzeitig auch für die nahegelegene Schleuse verantwortlich ist, allerdings gerade beschäftigt ist, kann es auch ein Weilchen dauern, bis man durchfahren darf. Aber bei dieser entschleunigten Art von Urlaub hetzt niemand, denn ein Gutes hat ein Hausboot ja sowieso: Man hat sein Bett, sanitäre Anlagen und eine Küche immer mit dabei. Und das Gluckern des Wassers ringsum lullt abends in den Schlaf. 
An der Müritz und der kleinen Seenplatte können bei Locaboat zwei verschiedene Hausbootmodelle führerscheinfrei gemietet werden: zum einen die an Yachten erinnernden Europa-Boote für zwei bis sechs Personen. Highlights sind der Außensteuerstand und das Hinterdeck, das das Angeln und Baden möglich macht. Innen kann das Boot mit technischen Raffinessen wie Radio, Satellitenfernseher, Backofen und Grill aufwarten. Bei den bis zu 50-PS-starken „Pénichettes“, die sich für zwei bis zwölf Personen eignen, ist der Typ „Flying Bridge“ hervorzuheben. Hier sorgt der doppelte Steuerstand – innen und außen – für ein ganz besonderes Fahrvergnügen und eine gute Übersicht, gerade bei den An- und Ablegemanövern. Auch das Bugstrahlruder hat uns gute Dienste erwiesen, insbesondere wenn es ein wenig windig wurde. Bei Sommerwetter richten sich aber sowieso alle Augen nur auf das Sonnendeck.
von Stephanie Kreuzer

INFO
Locaboat Holidays, www.locaboat.com
Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern, www.auf-nach-mv.de
Die Mecklenburger Radtour, www.mecklenburger-radtour.de

Foto: ©Stephanie Kreuzer
Foto: ©Stephanie Kreuzer
Foto: ©Stephanie Kreuzer
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