Der Irrtum von der „atmenden Wand“

Die Hessische Energiespar-Aktion informiert
„Wenn ich meine Wand dämme, entsteht doch Schimmel. Sie atmet dann doch nicht mehr?“ So oder ähnlich hören sich die Ängste von Hauseigentümern vor der Wärmedämmung an. Mittlerweile gibt es zu diesem Thema sogar eine große Untersuchung von zwei Hygiene-Lehrstühlen an deutschen Hochschulen. Nach Bewohnerbefragung und Begehung von 5.530 deutschen Wohnungen konnten die Wissenschaftler Entwarnung geben. Die gedämmten Wohnungen hatten deutlich weniger Schimmel- und Feuchteschäden als die Ungedämmten.

Auch der gesunde Menschenverstand hilft weiter: Wo tritt Schimmel im Haus auf? In der Regel auf den Innenoberflächen der Außenbauteile. Kalte Wände, Fensterstürze, Raumecken, Wärmebrücken usw. werden feucht, weil sich die feuchte Innenraumluft an ihnen abkühlt. Häufig sind Schlaf- und Kinderzimmer in kleineren Wohnungen betroffen, weil diese Räume nachts kaum gelüftet werden können (Lärm, Einbruchgefahr, Zugluft). Umso feuchter ist ihre Innenluft. Kalte Bauteile gibt es aber vor allem in ungedämmten Häusern, in jedem Althaus befindet sich irgendwo zumindest eine Stelle, die irgendwie »kritisch« ist. Und so sind besonders die älteren ungedämmten Gebäude auch vom Schimmel betroffen. Die älteste Quelle ist übrigens die Bibel, die im 3. Buch Moses, 14. Kapitel 33. Vers mit dem ersten Bericht über einen Schimmelschaden in einem Steinhaus unter der Überschrift: „Reinigung des Aussatzes an Menschen und an Häusern“ enthält. Ein völlig ungedämmtes Haus, auskühlend in den kalten Nächten des Wüstenklimas, noch mit „historischem“ Kalkputz als Innenputz, der auch nicht gegen den Schimmel geholfen hat.
„Je besser die Wärmedämmung der Außenbauteile ist, desto wärmer wird ihre Innenoberfläche im Winter und desto geringer ist die Gefahr, dass die Bauteile feucht werden. Ohne Feuchtigkeit kann der Schimmel nicht wachsen. Damit verhindert Wärmedämmung geradezu den Schimmel“, so Klaus Fey von der „Hessischen Energiespar-Aktion“. „Wärmedämmung ist mehr: Wärmedämmung in unserem hessischen Gebäudebestand beseitigt damit ein uraltes Menschheitsproblem (siehe Bibel). Unbehaglichkeit, Feuchte und Schimmel im Haus gehören bei gut gedämmten Häusern der Vergangenheit an“, so Fey weiter.
Ein gutes Jahrhundert glaubte man bis in die Wissenschaft hinein an eine »Atmung« der Wand, einen Luftdurchgang. Prof. Max v. Pettenkofer und Pfarrer Sebastian Kneipp waren Anhänger dieser falschen These. Bewiesen wurde die vermeintliche »Atmungsfunktion« der Wand nie, 1928 aber das Gegenteil durch Dr. Raisch,  denn exakte Messungen ergaben: Durch ein Schlüsselloch geht pro Stunde mehr Luft als durch 120 m² Außenwandfläche (wie damals üblich ohne Tapete und Anstrich). Ein Teil unserer Irrtümer stammt aus dem Jahr 1977, als viele Hauseigentümer mit staatlichen Fördergeldern ihre Fenster erneuerten, die Außenwände, Dächer und Kellerdecken aber ungedämmt ließen. Eine erhöhte Raumluftfeuchte schlug sich nun als Tauwasser verstärkt an den kalt gebliebenen Altbauteilen nieder, besonders an deren Wärmebrücken. Der Volksmund formulierte darauf etwas unscharf: Dämmung führt zu Schimmel. Richtig wäre gewesen: »Fenster warm und Wand kalt – das kann nicht gut gehen«. Denn die einfachverglasten Fenster hatten bis dahin die Raumluftfeuchte im Winter auf Werte unter 60 % gehalten, indem an ihnen ständig, vor allem abends und nachts, Tauwasser herunter lief. Dafür hatte man ein ganzes Arsenal von Mitteln parat: Lappen auf dem Fensterbrett, Tauwasserrinnen im Fensterbrett wahlweise mit Ablaufröhren nach außen, herausziehbare und entleerbare Tauwasser-Sammelschubladen unterhalb des Fensterbretts in der Wand usw. Ein Leben mit dem Tauwasser sozusagen.
Auch dichte Fenster mit warmen Innenoberflächen erzeugen dann keine zusätzliche Schimmelgefahr, wenn auch die Außenwände gedämmt werden. Kann dies nicht sofort geschehen, muss verstärkt gelüftet werden. Hier ein Beleg dafür, dass Lüften erfolgreich gegen Schimmel sein kann: Küchen und Bäder sind die feuchtesten Räume im Haus, die Raumtypen weisen aber die geringsten Schimmelschäden auf, weil hier verstärkt gelüftet wird, denn Gerüche und Wasserdampfschwaden müssen raus.
Gut die Hälfte des in einem Raum freigesetzten Wasserdampfes wird übrigens zunächst in den oberen Schichten der Putze, Möbel und Teppiche zwischengespeichert. Daran ändert die Dämmung nichts. Diese Feuchte wandert aber nicht durch die Wand nach außen, sondern wird wieder in die Raumluft abgegeben, von wo sie weggelüftet werden muss. Das haben schon 1955 die Professoren Walter Schüle und H. Schäcke in Versuchen festgestellt. Je kälter die Innenoberfläche eines Bauteils ist, desto mehr Wasserdampf kondensiert aus der Raumluft auf ihr, und das erzeugt wieder die Schimmelgefahr – auch ein Ergebnis der damaligen Untersuchungen. Gedämmt warme Wände „schwitzen“ dagegen nicht.
Wer sich die Vorgänge in Wänden einmal plastisch anschauen möchte, kann dies unter www.energiesparaktion.de tun. In der Mediathek zeigt der Film „Wasserdampfdiffusion im Bauwesen“ eine „Fahrt“ der Wassermoleküle durch die Kapillaren einer Außenwand und erläutert, wann und warum es zu Tauwasserausfall kommt.
Hier finden Sie auch Informationen zur „Hessischen Energiespar-Aktion“, zum „Energiepass Hessen“, den Kooperationspartnern, die Broschüre „Vom (K)Althaus zum Energiesparhaus“, einen Fachartikel zur „atmenden Wand“, die 13 Energiesparinformationen mit detaillierten Hinweisen zu den wichtigsten Energiespartechniken, viele weitere Fachbeiträge, die Energieberaterliste sowie unsere aktuellen Pressemitteilungen.
Außerdem ist über www.energiesparaktion.de auch die „Energieseite“ des Hessischen Mi­nisteriums für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesent­wicklung www. energieland.hessen.de sowie der „Förderkompass Hessen“ mit allen aktu­ellen Förderangeboten direkt zu erreichen.
Die „Hessische Energiespar-Aktion“ ist ein Projekt der Hessischen LandesEnergieAgentur (LEA).